Perspektivwechsel

Ich sitze auf dem Fahrrad und radle durch eine regnerische Stadt an einem grauen Montag Morgen im Winter. Eigentlich wäre das eine Szene, die die Gruseligkeit des Alltags demonstrieren könnte. Für mich ist es das nicht. Ich kann mir keinen schöneren Ort vorstellen. Ich fahre gerade meinen einjährigen Sohn in die Krippe. Er sitzt plappernd in seinem Kindersitz und freut sich wie Bolle. Später hole ich ihn ab und er hat sich vor lauter Entdeckerlust eine Beule am Kopf geholt, was mir die Erzieherin berichtet. Ihn stört das nicht, er ist schon wieder fröhlich und strahlt.


Mit Kind im Gepäck sieht meine Welt anders aus. Wenn ich an mein Leben vor 5 Jahren zurückdenke, ist davon heute wenig übrig. Und das ist auch gut so. Wir sind vor zwei Jahren nach Deutschland zurückgekommen und eigentlich noch am Ende der Wiedereingewöhnung. Meine Freundin arbeitet seit September wieder. Wir sind beide zurück im Arbeitsleben und das passt. Vor allem verdiene ich so gut, dass ich die Familie damit versorgen und immer noch genügend Geld sparen kann. Ein weiterer Gedanke ist auf einmal da. Der ist merkwürdig, aber irgendwie beruhigend: mein Geld ist bereits jemandem versprochen: Mein Sohn wird es eines Tages erben.

Was sich aber auch geändert hat: der Finanzbedarf ist deutlich gestiegen. So ein Kind kostet Geld. Aktuell Gebühren für die Kinderbetreuung. Später will ein Teenager dann einiges an Dingen haben. Und ein Studium will finanziert werden. Ich könnte ein Liniendiagramm aufzeichnen mit dem Kapitalbedarf, der in den nächsten 24 Jahren anfällt für den Herrn Sohn. Und ich bin genau dann in dem Alter, wo ich nicht mehr ohne weiteres arbeiten gehen kann oder möchte. Mit 60 als freiberuflicher Software Entwickler arbeiten? Ich glaube nicht, dass das passiert. Was ich dann machen werde, weiß ich heute nicht. Als Option möchte ich dann aber wenigstens meine eigenfinanzierte Rente sicher haben.

Worüber ich mir keine Sorgen mache, denn finanziell sieht das aktuell blendend aus. Ich habe letztes Jahr 16.000 Euro gespart und in den S&P 500 investiert. Dieses Jahr waren es 50.000 Euro. Holy moly. Damit komme ich auf 700.000 Euro, die ich in ETF und Aktien angelegt habe. Durchatmen. Okay, das mag sich viel anhören, aber ihr kennt alle die 4% Regel. Das Geld wird so nicht ausreichen, wenn ich mir meine laufenden Fixkosten ansehe. Und diese werden in 20 Jahren nicht niedriger als heute sein. Alles in allem: nach wie vor ist die wichtige Zielmarke für mich das 1.000.000 Euro Depot. Auch das wird nicht für eine dreiköpfige Familie reichen. Aber jetzt wird erstmal die nächsten 10-15 Jahre angespart. FI/RE mit 30? Vergiss es. Ich bin froh, wenn ich mit Mitte 50 genügend Geld zusammen habe.

Die nächsten 5 Jahre mit Ansparen dürften ausreichen um dem Schneeball einen ausreichenden Schub zu verpassen. Ich rechne damit jedes Jahr nochmal 40.000 Euro beiseite zu legen und damit weitere 200.000 Euro ansparen zu können. Insgesamt dürfte es in einem Zeitfenster von 3 bis 5 Jahren soweit sein und die magische 1.000.000 Euro Marke geknackt werden.

Ich verzichte an der Stelle auf zu konkrete Zahlen. Denn Zinseszinsberechnungen machen keinen Sinn um die reale Rendite des Aktienmarkts zu bestimmen. Selbiger muss erstmal mitspielen. Und ob es noch zum „Trump Slump“ kommt und die Rezession um die nächste Ecke lauert – ich weiß es nicht. Ich bin jedenfalls nach 10 Jahren Bullenmarkt eher vorsichtig, auch wenn das Marktsentiment die meiste Zeit über sehr weit von Euphorie entfernt.Grund ist aber auch der Markt, der sich seit 2 Jahren in einer Range bewegt und aktuell an nahezu dem gleichen Punkt steht wie im Oktober letzten Jahres. Damals ging es scheppernd nach unten, sozusagen ein umgedrehter Jahresendspurt. Was dieses Mal passiert ist offen. Lektion aus Langzeitsicht ist jedenfalls: man braucht einen verdammt langen Atem.

Das ganze ist ein Marathon. Dranbleiben.

2 Kommentare zu „Perspektivwechsel

  1. Interessanter Wasserstandsbericht. Und ich glaube das, was bei dir passiert ist, vergessen die meisten FIRE-Anhänger in ihrer Lebensplanung. Eben dass sich das Leben nicht so einfach planen lässt und auf Sicht von 5-10 Jahren die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass es doch irgendwie anders kommt. Wie bei dir z.B. durch eine Familiengründung, die so nicht abzusehen war. Oder, im negativen Fall, durch Krankheit, Arbeitsplatzverlust oder Aktiencrash. Deshalb ist diese ganze 4-Prozent-Entnahme-bis-ans-Lebensende Rechnerei aus meiner Sicht auch Unsinn. Vorsorgen, Sparen, Puffer aufbauen ist wichtig, aber keine Garantie für den Rest des Lebens. Wichtiger daher: flexibel bleiben, Optionen offenhalten, und Fixkosten im Griff behalten. Alles andere wird sich dann schon irgendwie finden, wenn auch vielleicht nicht so wie man das geplant hat.

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    1. … danke für die Anmerkungen. In der Tat, zumal Finanzbedarf und eigene finanzielle Vorstellungen in jedem Lebensalter anders aussehen als mit Anfang 20. Und vor allem entscheide ich nicht mehr alleine über meine Finanzen. Und dazu hätte ich keine Lust nur Enthaltsamkeit zu predigen. Das macht doch keinen Spaß! Um zu leben wie ein armer Schlucker brauche ich auch keine Millionen auf dem Konto.

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