Börsenkritik zum Abgewöhnen: die Dokumentation „BlackRock – Die unheimliche Macht eines Finanzkonzerns“

Auf arte gibt es aktuell eine Dokumentation über den Vermögensverwalter BlackRock zu sehen. Hier mein Review.

Heike Buchter kommt zu Wort, die ein Buch über BlackRock geschrieben hat. Das die Vorlage für die Dokumentation liefert mit dem mystischen Raunen von “eine heimliche Weltmacht greift nach unserem Geld”. Was soll ich sagen? Die Dokumentation ist eine Ansammlung von Beschuldigungen. Egal von wem und mit welcher Zielrichtung. Es werden scheinbar beliebig Aussagen gegen BlackRock gesammelt. Irgendwas von den Vorwürfen wird schon hängenbleiben.

Aber der Reihe nach.

Die ewige Angst vor dem Börsencrash

Die Doku startet mit dem Szenario eines Börsencrashs: “Was passiert eigentlich wenn alle verkaufen wollen? Wer rettet dann das System?” (Minute 16:30)

Darüber kann man ja reden, nur was hat das mit ETF zu tun? Das Problem von einem Börsencrash sind fallende Kurse und nicht Vermögensverwalter. Und vor allem hat es meistens Gründe, die nichts mit Börse zu tun haben, wenn alle Marktteilnehmer sich von ihren Aktien trennen wollen.

Ob an der Stelle überhaupt ein System gerettet werden muss, wäre die Frage. Der Preisfindungsmechanismus ist ja intakt – die Güter am Markt sind eben nur weniger wert. Kurzfristig dumm für die, die Unternehmensanteile halten. Wesentlich schlechter für Fimen, denen auf einmal Kapital fehlt. Deswegen mussten beim letzten Sturz Banken gerettet werden da “systemrelevant” (darüber kann man streiten).

Die Erklärung, warum es zu einer Konzentration bei den ETF kommt, ist ziemlich banal: die Kosten. Wenn ich mit einem Fonds nur noch 0,07% verdiene, dann kann ich nur Profit über die Menge machen.

Groß aufgeblasen wird das Argument mit dem Börsencrash durch ETF. Wenn jetzt alle gleichzeitig verkaufen wollen. Ja, die Gefahr eines Bank-Run https://de.wikipedia.org/wiki/Bankansturm gilt genauso für die Börse.

Nur – warum sollten ETF das Problem verursachen oder verschärfen? Diese sind nur ein Zwischenhändler am Markt und bündeln Aktien. Hier wird unterstellt, dass in der nächsten Krise alle US-Sparer ihre ETF-Depots sofort auflösen würden. Ehrlich gesagt glaube ich das nicht. Eher, dass Leute ihrer Sparpläne weiterlaufen lassen werden. So gesehen könnte ich genauso steil behaupten: ETF stabilisieren den Markt. Mache ich aber nicht, da die marktbewegenden Summen nicht von US-Otto-Normal-Sparer aus Iowa kommen. Eher von einem Carl Icahn, der sein Geld als Hebel und Druckmittel einsetzt.

Die Angstmacherei folgt dem Spielplan der Crash Propheten an der Börse. Es werden diffuse Ängste geschürt. Wenn der Crash nicht kommt – macht nichts, man wiederholt einfach seine Aussagen. Man hat ja nur Fragen gestellt. Sollte ein Crash kommen, dann hat man den 6er im Lotto gezogen. Jeder, der die Aussage gehört hat, wird einen für einen Propheten mit magischen Voraussage-Fähigkeiten halten.

Ob Hedge Fonds oder Kapitalismuskritiker – alle gegen BlackRock

Zu Wort kommt Carl Icahn, der als “wichtige Stimme des Finanzmarkts” präsentiert wird. Da fällt mir nichts mehr zu ein. Der Typ ist mit erpresserischen Methoden seiner Hedge Fonds Milliardär geworden. Und zwar durch das gezielte “ausplündern” (siehe Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Icahn ) von Unternehmen. Er verkörpert genau das Zerrbild einer “Heuschrecke”, der es nur um Profit geht. Gezeigt wird eine Szene aus einer Fernsehdiskussion. Ganz ehrlich – solche öffentlichen Runden sind Unterhaltungsformat und auf die dort getätigten Aussagen würde ich keine allzu große Stücke setzen. Die Aussagen von Icahn sind Bullshit, denn von „Partystimmung“ ist am Markt seit Jahren nichts zu spüren, Stichwort „Wall of Worry“

Danach kommt dann Niklas Hoves von der Stiftung Ethecon zu Wort. Die Stiftung ist beinhart kapitalismuskritisch und vergibt Negativ- und Positivpreise. Sie ehrte den venezolanischen Diktator Hugo Chavez 2008 mit einem Ehrenpreis. Das sind wahre Friedensfreunde. Und deren moralsaures Weltbild steht fest: Firmen sind böse.

Hoves im Originaltext: “…wenn sich Larry Fink als Visionär und Wohltäter darstellt ist das glatt gelogen, denn der weiß ganz genau, was seine Unternehmen machen”.

Kapitalismus wird damit zur Verschwörung einiger finsterer Herren. Hoves hat scheinbar nicht verstanden, was ein Vermögensverwalter macht. Nämlich Vermögen von Anlegern zu verwalten. Die ganze Logik hinkt: Wenn ein deutsches Unternehmen Waffen nach Saudi-Arabien und in den Yemen liefert – wäre es nicht in erster Linie Aufgabe der Bundesregierung genau das zu verhindern?

Die Anti-Rheinmetall Aktivisten wollen BlackRock ihre moralischen Anliegen aufzwingen. Die Firma soll sich aktivistisch verhalten und eingreifen: “Egal ob dort [Saudi-Arabien] Menschen gekreuzigt oder unliebsame Journalisten wie Jamal Khashoggi ermordet werden”. Habe ich das richtig gehört – “gekreuzigt”. Wirklich jetzt?

“Mit anderen Worten, die hehren Ausführungen von Larry Fink stehen in keinem Zusammenhang zu den Taten. BlackRock investiert dort, wo Renditen zu erwarten sind, nicht wo die höchste Moral herrscht”. (Minute 43:59)

Ich habe keine Ahnung, ob bei diesem Satz vergessen wurde Korrektur zu lesen. Was ist denn das für eine völlige weltfremde Aussage?

Aber noch weitere Knallerzitate: “Blackrock ist immer noch ein Unternehmen, egal was Larry Fink sagt.” (Minute 50:56)

Vorwurf: BlackRock übt keinen Einfluß aus

Es wird sich beliebig eine Firma (Rheinmetall) ausgesucht, die als Negativbeispiel herhalten muss. Man lässt einen Kritiker zu Wort kommen. Und behauptet am Ende, BlackRock würde aktiv investieren. Das ist falsch. Nochmal zum mitschreiben: BlackRock ist in erster Linie passiver Vermögensverwalter. Die Firma kauft Unternehmenanteile im Auftrag ihrer Kunden, den Anlegern. Die Stimmrechte der Anteile gehen dabei an BlackRock über. BlackRock vertritt die Interessen der Anleger. Und dieses Interesse ist nicht aktivistisch Firmen zu beeinflußen.

Für mich interessanter und nicht Teil der Diskussion: was passiert eigentlich, wenn es mit Firmen richtig abwärts geht wie etwa unlängst mit dem deutschen Autozulieferer Leoni? Oder bei der Nicht-Entlastung des Vorstandes von Bayer bei der Hauptversammlung diesen Jahres? Klare Antwort: nichts. https://www.wiwo.de/finanzen/boerse/bayer-vorstandschef-werner-baumann-entlastung-verweigert-denkzettel-verpasst-nichts-passiert/24268368.html

Vorstand nicht entlastet, trotzdem keine Konsequenzen. Für mich belegt das eher, dass die “Macht” der Anteilseigner ziemlich begrenzt ist. Auch ein Larry Fink kann relativ wenig tun, wenn der Aktienkurs eines Unternehmens abstürzt.

Vorwurf: BlackRock übt Einfluß aus

Das Argument wird einfach umgedreht. BlackRock beeinflußt Regierungen!

Es muss dann etwa Friedrich Merz herhalten. Dessen kurze, glücklose Kandiatur für den CDU-Vorsitz wird als “der denkt wie BlackRock” ausgelegt. Weil er Aktien zur Altersabsicherung vorgeschlagen hatte. Ja, das liegt durchaus im Interesse von BlackRock. Aber auch im Interesse von Sparerinnen

Dümmlich wird es im “chinese wall” Teil. Dies bezeichnet den Fakt, dass Firmen bestimmte Informationen firmenintern hinter einer chinesischen Mauer aus halten müssen. Es geht darum, dass BlackRock als Beraterfirma an sensible Daten von Regierungen kommt und damit Profite erwirtschaften könnte. Dies muss unternehmensintern getrennt werden. Denn Insiderhandel ist eine Straftat. Es wird munter spekuliert. BlackRock wäre in Griechenland als Berater engagiert gewesen und hätte hinterher mit griechischen Staatsanleihen Geld verdient. Bewiesen ist das nicht. Es wird einfach gemutmaßt getreu dem Motto: die könnten (!) durch dieses unglaublich geheime Wissen Verbrechen begehen und das wäre dann illegal. Bei dieser Logik bleibt dann kein Stein mehr auf dem anderen.

Genauso wie das hauseigene Computersystem Aladdin von BlackRock als Beleg für deren Macht herhalten muss. Ausgerechnet ein Werbevideo wird angeführt als Beweis, wie mächtig das System angeblich ist. Und die Tatsache, dass damit Daten von Regierungen analysiert werden. Ich müsste tiefer ins Detail gehen, aber nur kurz: die meisten Erwartungen an Big Data erwiesen sich als Flops.
In entsprechenden ökonomischen Büchern wurde in den letzten Jahren etwa IBM´s Watson Programm genannt. Nicht gesagt wurde, dass das System ein unverkäuflicher Flop war, der nur Mist an Daten lieferte. Ebenso wie die Grippewellen-Vorhersage von Google. “Man muss doch nur genügend Daten sammeln und seine Machine learning Modelle entsprechend trainieren und kann dann alles vorhersagen” erweist sich leider als luftiger Traum. Und auch ein Algo an der Börse kann keine Aktienkurse voraussehen. Auch Algos machen nichts anderes als Preise rauf und runter schieben durch kaufen und verkaufen. Auf die Idee, dass Aladdin vielleicht gar nicht so gut funktioniert, wie die Reklame behauptet, kommt die Doku jedenfalls nicht.

Das Ende des Wettbewerbs

Es kommt der Wirtschaftswissenschaftler Martin Schmalz zu Wort. Dessen These zu “common ownership” geht davon aus, dass durch die Konzentration von Firmenanteilen bei wenigen Inhabern der Wettbewerb leidet. Wenn mir Adidas und Nike gehören, habe ich kein Interesse daran, dass beide Firmen sich in Konkurrenz aufreiben. Es kommt zu Oligopolen oder Kartellabsprachen.

Das ist eine Vermutung und kann wissenschaftlich erforscht werden. Ich sehe das anders. Zum einen unterstellt das, dass Konkurrenz Naturzustand des Marktes wäre und optimale Ergebnisse liefert (Aktuelles Gegenbeispiel: Daimler). Die These wurde bereits in anderer Form abgeliefert: “Passive Investing Is Worse for Society Than Marxism”. Wie muss ich mir das vorstellen? Adidas verzichtet auf das Release von bestimmten Sneaker-Modellen, weil Nike schon ähnliche Marktsegemente besetzt hat?

Irgendwie glaube ich nicht daran, dass die heilige Kuh der Liberalen, eine idealisierte Idee von kapitalistischem Wettbewerb, kaputt gehen würde durch BlackRock & Vanguard. In so einer Idee stecken schon sehr viele Annahmen, die bereits falsch sind.

Meine Meinung: ETF sind Segen für Sparerende

ETF sind ein Segen für einfache Sparer. Vor 30 Jahren wäre ich auf die lokale Sparkasse gegangen. Dort hätte mir der nette Berater dann einen hauseigenen, aktiv gemangten Fonds angepriesen, dessen Vorzüge in einem schönen Hochglanzprojekt angepriesen wurden. Agio, Verwaltungs- und Managementgebühren und dann noch Performancegebühren. Da blieb dann unter dem Strich nichts übrig. Zumal aktive Fonds mit schöner Regelmässigkeit schlechter als der Marktdurchschnitt abschneiden. Flat-Order-Gebühren gab es nicht, dafür wurde prozentual abgerechnet. Und der nette Vertriebler schwatzt selbst betagten Rentnern noch Anlageprodukte auf, wie bei mir im Familienkreis geschehen. Siehe auch auf der freiheitsmaschine.com für einen Erfahrungsbericht mit Bankberatern.

Anstelle von “BlackRock – eine heimliche Weltmacht greift nach unserem Geld” (so der Titel des Buchs von Heike Buchter) würde ich mir eher Gedanken machen um “der nette Onkel von der Sparkasse von nebenan greift nach meinem Geld”. Diese Gefährdungslage ist deutlich konkreter und bedrohlicher. Und ich kann mir sicher sein, dass hinterher mein Geld weg ist. 

Es gibt gegenteilig Kommentare zum Aufstieg von Vanguard und BlackRock. Barry Ritholtz mal wieder: https://ritholtz.com/2019/09/vanguard-and-blackrock-dominate/ Er sieht den Aufstieg von ETF als ausgestreckten Mittelfinger der einfachen Anleger an das alte, vor 2009 bestehende Wall Street System. Ritholtz hat eine positive Sicht auf den Kapitalmarkt. Und die besagt, dass das “new normal” von Vernunft getrieben ist. Und insbesondere einfache Anleger heute im Vorteil sind gegenüber institutionellen Anlegern.

Fazit

Die Dokumentation versucht zwanghaft eine Geschichte zu erzählen. Nur ist diese Geschichte äußerst dürftig. Der Untertitel “Die unheimliche Macht eines Finanzkonzerns” suggeriert, dass böse Machte am Werk wären.  Und versucht krampfhaft ebendies zu belegen.

Man hätte genauso gut einen Mann beim morgendlichen Brötchenkaufen filmen können, das Ganze mit düsterer Musik unterlegen können und einen Sprecher aus dem Off dazu sagen lassen: “Was hat er vor? Was treibt diesen Fiesling an? Wird er gleich ein Verbrechen begehen?”

Was wir in Wirklichkeit sehen ist eine stinknormale Firma, die das tut, was Firmen im Kapitalismus eben so tun: Profit erzielen.

Wie man macht, ist es verkehrt. Wahlweise verhält sich BlackRock zu wenig aktivistisch und übt keinen Einfluß auf Unternehmen wie Rheinmetall aus. Oder zu aktivistisch und trifft sich mit Regierungen und berät diese sogar.

Die Dokumentation bedient zwar keine klassischen Verschwörungstheorien, bereitet aber das Feld für diese. “Irgendwo an der Ostküste der USA sitzen Männer mit Geld und unglaublich viel Macht, denen man nicht trauen kann.” Genau solche dumpfen Ressentiments werden genährt und genau das ist anschlußfähig an den deutschen Antisemitismus. Beide sehen den deutschen Michel als Opfer des ausländischen Finanzkapitals der USA.

Ich würde vielleicht erstmal die Fakten kennen und sortieren bevor ich versuche damit polemisch Meinung zu machen.

Ich bin nicht dahinter gekommen, was die Dokumentation eigentlich erreichen will. Regulierung des Kapitalmarkts durch europäische Behörden? Zurück zum Casino-Kapitalismus der 0er Jahre, in dem Banken noch ordentlich zocken konnten mit den Kundengeldern?

Die Doku kann in der arte Mediathek bis zum 15.12.2019 abgerufen werden:

https://www.arte.tv/de/videos/082807-000-A/blackrock-die-unheimliche-macht-eines-finanzkonzerns/

2 Kommentare zu „Börsenkritik zum Abgewöhnen: die Dokumentation „BlackRock – Die unheimliche Macht eines Finanzkonzerns“

  1. Eine Aktie zu bewerten ist fast unmöglich, weil die Bewertung von den Spielcasino Spekulanten in den Wettbüros mit der Psychologie der Gier, Angst und Hoffnung ad absurdum geführt und unberechenbar wird schon gar nicht mit Charts jedweder Art. die andere Seite ist die Selbstbedienung der Vorstände von z.b. Deutsche Bank etc. , die Bilanzfälschung von Unternehmen sind Gerichtlich abgesichert dank Unwissender oder korrupter Gerichte, des Weiteren Arbeiten viele Buchmacher mit Falschspielern zusammen usw. usw. Der Kleinaktionär ist nur das Kanonenfutter des Wertpapierhandels. Institutionelle Anleger werden bevorteilt , Privatanleger haben das nachsehen. Das soll Fair sein?

    Liken

    1. Wenn ich das lese, Roland, muss ich leider feststellen, dass du dich noch nicht wirklich intensiv mit dem Thema Börse auseinandergesetzt hast. Ich kaufe seit 20 Jahren regelmäßig Aktien und hatte natürlich auch schon den einen oder anderen Flop. In der Gesamtbetrachtung habe ich aber eine jährliche Durchschnittsrendite, die alle anderen Anlageformen bei weitem übertrifft. Dass der Privatanleger benachteiligt wird, ist schlichtweg Unsinn. Im Gegenteil: Als Privatanleger hast du den Vorteil, dass du cool bleiben kannst, wenns an der Börse mal nicht so läuft. Im Gegensatz zu den Fondsmanagern.

      Was ich aber eigentlich schreiben wollte: Ich habe die Dokumentation gesehen und hatte genau den gleichen Eindruck, wie du, Chris. Ein tendenziöser Bericht von Journalisten, die offenbar nicht ganz durchschaut haben, was ETFs sind. Klang für mich wie eine Auftragsarbeit der Regierung, damit die Menschen ja weiter an ihrem Sparbuch kleben und sich vom Staat enteignen lassen. Viele Grüße, Folkert

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s