Die Sache mit dem Reichtum der Deutschen

Vermögensungleichheit ist in Deutschland nur mässig interessant. Soziale Gerechtigkeit schön und gut. Einkommensungleichheit? Aber sicher. Da wird ständig öffentlich gestritten und diskutiert.

Aber Vermögensungleichheit? Eher nicht so. Du kannst es gerne selbst überprüfen mit einer einfachen Anfrage bei Google. Da staubt es einem nur entgegen mit Artikeln, die alle mindestens ein Jahr alt oder älter sind. Ein echtes Nicht-Ereignis.

Politisch Stimmen dazu kaum laut. „Erbschaftssteuer erhöhen“ wäre so eine Forderung. Sonderlich populär ist dies nicht. Genauso wie die Einführung einer Vermögenssteuer. Ich bezweifle stark, dass diese unter der kommenden Jamaika-Bundesregierung ein Thema sein wird. Eigentlich ist es ein Fakt: als Vermögender lebt man in Deutschland ziemlich unbehelligt und ruhig.

Wenn es um soziale Ungleichheit geht, dann immer nur um die Ungleichheit der Einkommen, nie die der Vermögen.

Wo kommen überhaupt die Zahlen her? Vermögen ist in Deutschland im Gegensatz zum Einkommen nicht sonderlich populär. In Zeitungen steht dazu wenig. Wissenschaftliche Studien werden von Bundesbank und des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erstellt. Und letztere Studie ist schon wieder 5 Jahre alt. Selbst die Fußnoten im Wikipedia-Artikel zu Vermögensungleichheit wirken verstaubt: Artikel und Studien von 2003 und 2009.

Dabei ist das Vermögen extrem ungleich verteilt. Ich war mehr als erstaunt, wie wenig die Mehrheit der Deutschen hat. Die Hälfte aller deutschen Haushalte besitzt weniger als 60.400 Euro. Und damit besitzt die Hälfte aller Deutschen weniger als 60.400 Euro.

Zu den Vermögen zählen Sach- und Finanzvermögen als Aktiva. Abgezogen werden Schulden: Hypotheken und Kredite als Passiva. Die Summe ist das Nettovermögen.
Alleine darüber könnte man schon diskutieren. 75% der Befragten geben nämlich an ein Fahrzeug zu besitzen, das zu den Aktiva gezählt wird. Hier kann man einwenden: das ist ein Verbindlichkeit. Schon ein einfacher Dacia kostet laut ADAC circa 350 Euro im Monat. Und ob man „ich zahle 350 Euro jeden Monat“ als Strategie zur Vermögensbildung ansieht, sollte man vielleicht nochmal überdenken.

Der Durchschnittswert, d.h. das arithmetische Mittel, taugt hier gar nicht. Der Median teilt dagegen eine Zahlenreihe einfach in der Hälfte der Werte auf und ist damit robust gegen Ausreißer. Warum ist das so? Am folgenden Beispiel lässt sich das zeigen:

In einer fiktiven Stichprobe von 100 Haushalten haben 99 ein Vermögen von 1000 Euro und 1 Haushalt das Vermögen von 1.000.000 Euro. Das arithmetische Mittel berechnet sich aus der Summe aller Vermögen (99 x 1000 Euro + 1 x 1.000.000 Euro) geteilt durch die Anzahl aller (100). Durchschnittlich hat damit jeder ein Vermögen von 10990 Euro. Nur stimmt das offensichtlich ja nicht – die Mehrheit aller Haushalte hat 1000 Euro. „Extrem ungleich!“ würde jeder sofort sagen.

Vermögen interessiert die Öffentlichkeit nicht. Mich allerdings schon. Denn ich betreibe ja etwas mit Investieren um mein Vermögen zu vergrößern. Die Grenze für die obersten 10% liegt bei 468.000 Euro. Die reichsten 5% verfügen dann über mehr als 722.000 Euro. Wobei in der Bundesbankstudie die Erhebungseinheit Haushalte sind, nicht Einzelpersonen. Also: 5% aller Haushalte liegen über 722.000 Euro.

Was auffällt: Aktien als Vermögensklasse sind kaum vertreten. Die Aktionärsquote in der Bundesbank-Studie liegt bei 10%;. Dazu besitzen 13% der Befragten Fondsanteile. Das deckt sich grob mit einer anderen Studie: der Aktionärsquote in Deutschland, die vom Deutschen Aktieninstitut erhoben wird. 2013 besaßen demnach 7,1% der Deutschen Aktien, 6,7% nur Fonds und 13,8% beides.

Wie und ob dies in der Bundesbank-Studie operationalisiert wurde, ist mir nicht bekannt. Aber so oder so: 10% (wenn ich die Zahl der Bundesbankstudie nehme) bis 14% (die Zahl des Deutschen Aktieninstituts) der Deutschen legen ihr Geld in Aktien oder Fonds an. Oder anders herum formuliert: 86% bis 90 % der Deutschen besitzen keine Aktien.

Das ist eine ungleiche Verteilung. Ähnlich krass wie die Vermögen. Die Minderheit der Deutschen besitzt die Mehrzahl des Vermögens. Das spiegelt sich auch im Gini-Koeffizienten wieder. Dieser misst die Ungleichheit, wobei 0 maximale Gleichheit und 1 maximale Ungleichheit wären (also das Beispiel oben mit den 99 Haushalten mit 1000 Euro). 0,76 beträgt er für die deutschen Vermögen und das ist ziemlich ungleich und in der Euro-Zone auch der zweite Platz nach Österreich.

Die Vermögensklasse, die dauerhaft am meisten Wohlstand produziert, wird von einer kleinen Minderheit genutzt: Aktien. Das ist ziemlich krass. Aber wenn ich ehrlich bin, ist es mir auch ganz recht, dass über Vermögen nicht gesprochen wird. Ein Nebeneffekt ist nämlich: als Aktionär habe ich meine Ruhe in Deutschland. Ich zahle maximal  26,38 % Kapitalertragssteuer und Soli und kann sogar noch eine Günstigerprüfung veranlassen. Wenn ich dazu noch die Rechtssicherheit und die Stabilität des politischen Systems dazu addiere, lebt es sich in Deutschland sehr komfortabel. Rufe nach Umverteilung gibt es nicht. Genauso wenig wie eine Diskussion Aktien als Privatvorsorge für das Alter anzulegen. Diese Diskussion läuft in Deutschland maximal für die Leserschaft der FAZ. Mit anderen Worten: Für die obere Mittel- bis Oberschicht, die sowieso schon genügend Geld hat.

Weder Diskussionen um Einführung einer Erbschafts- noch Spekulationssteuer gibt es hierzulande. Die Forderungen zur Einführung einer Tobinsteuer erreichten 2001 ihren Höhepunkt mit dem globalisierungskritischen Netzwerk ATTAC. Seitdem: Funkstille. Ich selbst bin nicht gerade ein Fan dieses Netzwerks gewesen und fand die Darstellung der Börse als Kasino damals schon extrem vereinfachend und falsch.

Heute würde ich sogar in die andere Richtung gehen: eine Umverteilung von oben nach unten würde stattfinden, indem man möglichst viele Leute zu Miteigentümern der Produktionsmittel macht – frei nach Karl Marx gesprochen. Alle sollten die Maschinen und Fabriken besitzen und das heißt heute: selbst Kapitalist werden und Anteile der Unternehmen besitzen. In Form von Aktien.

In Zukunft wird das Thema noch deutlich brisanter, da in einigen Zukunftsszenarien (etwa: Martin Ford: „Rise of the Robots: Technology and the Threat of a Jobless Future“) die Mehrheit der heutigen Arbeitsplätze wegfällt und durch intelligente Maschinen ersetzt wird. Es wird in dem Szenario nur noch sehr wenige hochqualifizierte Arbeiter benötigen, die die selbstlernenden Maschinen bauen (irgendwann werden die Maschinen sich dann auch selbst bauen). Das heißt, dass über den Verkauf der eigenen Arbeitskraft kein Einkommen mehr zu erzielen ist. Josh Brown bringt es in wenigen Sätzen auf den Punkt:

“Specialize” the displaced workers are being told. “Up your eduction and increase your skills! Move to a different city! Find a niche where technology can’t replace you! Learn to code!” They’re trying, but this doesn’t seem to be a long-term solution. We’re in an age where we’re being told AI is about to start writing its own software. Machines are going to be trying legal cases and diagnosing illnesses, writing songs and architecting buildings, giving financial advice and driving our vehicles. Every day more articles about this or that breakthrough. There are no limits, there are no protections. It’s bordering on lawlessness.

Mögliche Lösung in diesem Szenario wären a) Maschinenstürmerei mit sozialer Revolte b) bedingungsloses Grundeinkommen oder c) sich selbst heute schon ein Schutzpolster aufbauen und die Maschinen zu besitzen solange man noch Geld hat. Just own the damn robots!

Ich kann die Gesellschaft als Ganzes nicht reparieren. Ich kann nur da den Hebel ansetzen, wo ich etwas ändern kann: bei mir selbst. Und das habe ich getan. Die Entscheidung 2008 in Aktien zu investieren, war eine der besten meines Lebens.

Und jetzt du: was denkst du über Aktien und Vermögensungleichheit?

Hier der Link zur Studie der Bundesbank: https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Downloads/Veroeffentlichungen/Monatsberichtsaufsaetze/2016/2016_03_vermoegen_finanzen_private_haushalte.pdf?__blob=publicationFile

https://de.wikipedia.org/wiki/Verm%C3%B6gensverteilung_in_Deutschland

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2 Kommentare zu „Die Sache mit dem Reichtum der Deutschen

  1. Einen weiteren Gedanken zur Lösung hat Bill Gates Anfang des Jahres geäußert: Maschinen müssen in Zukunft auch Steuern zahlen

    Ansonsten verwundern mich die Erkenntnisse nicht. Vermögen muss man anhäufen und behalten. Der Gedanke ist nicht verankert. Es gilt Geld und Status auszubauen. Das benötigt entsprechenden Einsatz und vermindert die Vermögensbildung in der Bilanz.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für den Kommentar! Ja, die Maschinensteuer wäre ein interessanter Punkt. Nur wo fängt man an? Bei jeder Zeile Code, die einen Handgriff überflüssig macht? Schwierig. Zumal dagegen eingewendet wird: dann müsste jeder Fahrstuhl Steuern zahlen, weil irgendwann vor 100 Jahren dort mal ein Mensch gestanden hat um die Knöpfe zu drücken. Wir dürfen gespannt sein, was da so kommt.

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