Die Inseln der anderen: Belize

Ich sitze in einer Bar, auf einer Karibikinsel in Belize. Es ist heiß und ich tropfe. Aber hier im Schatten lässt es sich gut aushalten. Bei der Hitze läuft man nur ein paar Meter und ist schon durchgebraten. Gestern, in einem alten Blue Bird Bus, war es dagegen brutalstmöglich heiß. Und die Klimaanlage war das offene Fenster.

Dafür gab es aber auch einen direkten Einblick in die Vielfältigkeit des Landes. Vor uns saß ein Mennonitenpaar mit strohblondem Baby auf dem Schoß. Er: Cowboyhut und Karohemd. Sie: Kopftuch. Später setzte sich eine breit gebaute, schwarze Lady mit Dreadlocks vor uns, die zerlaufene Knasttatoos hatte. Der Fahrer hörte dröhnend laut mexikanische Musik, dann auch mal wieder landestypisch Dancehall aus Jamaika. Beim nächsten Stopp kommt ein Verkäufer mit Wasserfalschen in den Bus: „It es toh hot bwut di fia engine es here“.  Belizian Creole hört sich stark wie jamaikanisches Patois an.

Belize ist ein buntes Gemisch aus allem und wirkt auf seinen Inseln mehr wie Jamaika als ein Land zwischen Guatemala und Mexiko. Auch weil hier als ehemalige englische Kolonie Englisch und nicht Spanisch gesprochen wird. Und die Queen auf den Geldscheinen zu sehen ist. Dafür ist der Belizian Dollar fest im Verhältnis 2:1 an den US-Dollar gekoppelt. Dadurch kann man überall in USD zahlen. Aus fiskalpolitischer Sicht erschließt sich mir das nicht, denn eine Abwertung der Währung bei Krise scheidet damit aus. Vielleicht ist das auch weniger wichtig in einem Staat mit knapp einer halben Millionen Einwohner.

Ich sehe mir immer ganz gerne ein paar ökonomische Zusammenhänge an von Ländern, die ich bereise. Wie Wirtschaft hier funktioniert? Nicht sonderlich gut, nämlich aktuell schrumpfend. Es gibt Ölindustrie, die braucht aber nur wenige, hochqualifizierte Mitarbeiter. Ebenso gibt es Agrarwirtschaft (Bananen, Zuckerrohr, Saft) und Ölindustrie (wikipedia). Und das sind Sektoren ohne  hohe Nachfrage nach Arbeitskräften, weswegen hier die Arbeitslosenquote auf 14,4% geklettert ist und dazu ein Großteil der Arbeitslosen Analphabeten sind. Zahlen zu Durchschnittseinkommen waren nicht zu bekommen, wobei hier nur der Median Sinn macht, nicht das arithmetische Mittel. Denn ein Teil der Beschäftigten verdient fett. Während ein anderer Teil hier gar nicht verdient und an vielen Ecken Männer herumsitzen, die mittags schon gut getankt haben. In Deutschland wird immer von der sozialen Spaltung phantasiert – in Belize ist sie real vorhanden. Und die Mordrate in Belize ist eine der höchsten der Welt (wikipedia). Bekommt man das als Tourist mit? Ziemlich sicher nicht, denn die meisten Morde sind Streits unter Gangs und Drogenkriminalität. Trotzdem würde ich an Orten wie Belize City nachts besser nicht auf der Straße umherlaufen.

Belize ist dabei nicht nur ein Transitland im Drogenschmuggel aus den Erzeugerländern in Südamerika, sondern vor allem ein beliebter Ort, um Gelder aus dem Drogenhandel zu waschen. Nicht nur die „Send him to Belize“ Referenz aus der Serie Breaking Bad spielt darauf an, die CIA listet Belize als ein wichtiges Land der Geldwäsche auf. Ein längerer Artikel dazu findet sich hier. Es lässt sich hier wohl ohne Probleme ein Offshore-Banking-Account eröffnen, auch ohne Staatsbürger zu sein. In den meisten anderen Staaten ist das nicht möglich und kurze Randnotiz:<a href=“https://www.theguardian.com/business/2013/nov/07/britain-tax-havens-queen-secrecy-justice-network“>sehr viele Offshore-Paradiese sind Commonwealth-Staaten</a>. Die Briten scheinen schon immer ein Interesse an unreglementierten Finanzmarktplätzen gehabt zu haben. Vielleicht war es aus britischer Sicht nur offensichtlicher, dass Kapitalismus auch immer eine Dunkelkammer benötigt. Während man in Deutschland immer protestantisch-pikiert „Sowas darf es doch nicht geben!“ ruft. Ob es dir gefällt oder nicht: es existiert.

Jedenfalls sind die meisten armen Länder nicht günstig, wenn es um Lebenshaltungskosten geht. In Belize sind alle Preise für Nahrungsmittel auf Euro-Niveau. Ein us-amerikanischer Expat-Rentner hat 2009 eine Liste mit Kosten für die Lebenshaltung erstellt. Wie üblich bei der Frage – was ist teuer, was ist günstig? Kommt drauf an. Für US-Amerikaner ist Belize günstig. Und wird auch als verlängertes Florida gesehen.

Für mich mit Euro in der Tasche ist Belize nicht günstig, wenn ich Berlin oder Madrid als Maßstab anlege, nicht Paris oder London. Belize ist deutlich teurer als die umliegenden Nachbarländer Mexiko, Guatemala oder Honduras. Gerade ist der Benzinpreis auf 6 USD pro Gallone (3,78 Liter) geklettert. Und das bei fallendem Ölpreis, in den USA kostet die Gallone im teuersten Staat Kalifornien gerade mal 3 USD, ansonsten teils unter 2. Belize hat sich nämlich dummerweise in die Abhängigkeit von Venezuela begeben und das Land befindet sich gerade soweit in Selbstauflösung, dass selbst für den Eigenbedarf nicht mehr genügend Benzin da ist. Ähnlich ging es auch unserer vorherigen Reisestation, Kuba. Auch Kuba hat stark auf Venezuela als Erdöllieferanten gesetzt (die Stromversorgung in Kuba basiert dazu noch auf Schwerölkraftwerken). Aber obwohl dort in den Parteizeitungen Granma und Juventud Rebelde Chavez und Madura abgefeiert werden, hat man auf pragmatischer Ebene den Staatskollaps von Venezuela wohl als Szenario eingeplant und arbeitet an Alternativen. Kuba fördert inzwischen selbst Öl und hat andere Lieferländer erschlossen, Algerien und Rußland. Ein Artikel auf Bloomberg beleuchtet diese Transformation. Wenn man von einem Land lernen kann, wie man schwerste ökonomische Krisen plus den geballten Hass von 11 US-Präsidenten überlebt, dann Kuba. Am Rande notiert: die Bewohner in Kuba haben mit 79 Jahren eine Lebenserwartung wie in einem westlichen Industrieland. Und das in einem Entwicklungsland, das der 3. Welt zugeordnet werden kann. Was aber auch zu Problemen überalterter Gesellschaften führt, was in einem Artikel im Economistgezeigt wurde. Denn ein Rentner in Kuba bekommt umgerechnet 25 USD.

In Kuba verdient ein Arzt den staatlich festgelegten Lohn von umgerechnet 25 USD im Monat. Ein Taxifahrer bekommt für die Fahrt vom Flughafen in Havanna in die Innenstadt denselben Betrag. Grundnahrungsmittel, medizinische Versorgung und Miete sind subventioniert. Alles andere kostet und zwar richtig. Ein Bier 1 Euro. Ein neuer VW Jetta 50.000 USD. Auf dieser Webseite gibt es Zahlen für die Kosten von Dingen des täglichen Bedarfs. Wie das geht? Durch Schattenwirtschaft und dadurch, dass Kubaner inzwischen auf eigene Rechnung bestimmten Gewerbetätigkeiten nachgehen können wie Zimmervermietungen. Mit Sozialismus hat das System nur noch bedingt etwas gemeinsam. Nicht ganz verkehrt in Kuba: freier Zugang zu medizinischer Versorgung für alle, hohe Alphabetisierungsrate, weltweit eine der niedrigsten Mord- und Verbrechensraten.

Wir haben in Havanna einen Kurden aus der Türkei getroffen, der rübergemacht hat aus Begeisterung für den Sozialismus. Und der jetzt in Kuba studiert. Davor war er Journalist, jetzt studiert er Medizin. In einem lautstarken Gespräch zwischen mir und der Pizza-Verkäuferin an einem Stand neben der Uni verteidigt er Kuba. Während diese gar keinen Bock auf den kubanischen Sozialismus hatte und das genauso lautstark äußerte mit Verweis auf die fehlende Meinungsfreiheit. Und für die Pizza-Verkäuferin war drüben alles besser. Nur kann sie überhaupt nicht rüber, was nicht an Kuba liegt (die Reisefreiheit gibt es seit 2011 für alle Bürger), sondern daran, dass die wenigsten Staatsbürgerschaften eine freie Einreise garantieren.

Ich dagegen kann wählen. Ich habe mit einem deutschen Pass das Privileg in den meisten Ländern ohne Probleme einreisen zu können. Da der deutsche Pass in Rankings gerade mit 176 Ländern, die Visa-frei bereist werden können, auf Platz 1 der„most powerful passports of the world“ landete. Geburtslotterie sei Dank. Die Welt ist extrem ungleich und per Glück oder Zufall stehen mir Türen offen, die anderen verschlossen bleiben.

Und vor allem ist das Leben in den meisten Ländern für jemanden, der Geld in westlichen Ländern verdient hat, immer noch günstig. Da ich selbst vor ein paar Jahren zwar kein Auswandern, aber das Leben als digitaler Nomade auf der Agenda hatte, habe ich mir sehr intensiv angesehen, welche Länder für mich in Frage kommen. Wo kann ich einfach ein Gewerbe gründen? Wo sind die Lebenshaltungskosten niedrig? Wo ist die Internetverbindung tauglich? Rechtssicherheit ist auch noch ein wichtiger Faktor, denn das nimmt man aus deutscher Sicht immer als gegeben hin. Das ist aber global gesehen oft nicht der Fall. Wenn du ein lokales Geschäft aufmachst, musst du in den meisten Ländern wissen wer dein Daddy bei Polizei und ggfs. lokaler Mafia ist. Und die meisten Länder mit Traumständen haben ein politisches System, das oft zwischen Kleptokratie, halbherziger Demokratie und Militärdiktatur pendelt. In Thailand herrscht eine Militärjunta, in Indonesien wurde gerade der christliche Gouverneur von Jakarta wegen Beleidigung des Islam in den Knast gesteckt, in den Philippinen unter Duerte mutmaßliche Drogenkonsumenten von Paramilitärs exekutiert. Das kann man jetzt gegenrechnen gegen „es ist halt billig dort zu leben“. Es ist ein Trade-Off. Du bekommst in Thailand günstige Lebenskosten und Sandstrand – dafür dann aber auch Militärdiktatur. Vermutlich interessiert das aber auch die wenigsten und ich bezweifle, dass von den Expats dort irgendjemand zwischen Rothemden und Gelbhemden unterscheiden kann.

Möchte ich in Belize leben? Wie Tocotronic singen: „Aber hier leben? Nein, danke.“ Belize ist großartig. Um hier Urlaub zu machen. Es ist unglaublich gut hier ein paar Tage herumzuliegen wie eine Eidechse in der Sonne. Würde ich hier dauerhaft leben wollen? Eher nicht. Ich brauche aber gerade auch nichts zu entscheiden. Von einer Hängematte in Caye Caulker aus betrachtet sieht die Welt jedenfalls ziemlich entspannt aus. Mit einem eisgekühlten Kokosnusswasser im Glas lässt es sich ganz gut aushalten.

Wo liegt deine Trauminsel? In welches Land kannst du dir vorstellen auszuwandern?

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2 Kommentare zu „Die Inseln der anderen: Belize

  1. Ist eine Trauminsel nicht gerade deshalb eine, weil man dort nicht wohnt? 😉

    Vorstellen kann ich mir vieles, aber es wird sicherlich an realen Dingen hapern. Mit zunehmenden Alter erkenne ich jedenfalls für mich, dass der Bewegungsradius kleiner wird. Wo man früher noch ans Ziel wollte, schaut man sich heute durchaus den Weg links und rechts einmal an. Dort lässt sich auch einiges finden und relativiert so manchen großen Traum, der sich bei oder kurz nach der Erfüllung eh erst einmal in ein Vakuum entwickelt. Ein erreichtes Ziel ist nicht mehr sonderlich spannend.

    Persönlich kann ich mir irgendwann einmal ein mobiles Leben vorstellen. Durchaus noch vor dem eigentlichen Rentenalter. Und dann muss es keine Trauminsel sein. Ein Winter im europäischem Ausland reicht mir schon. Und die Freiheit weiter zu können, wenn ich es für nötig erachte.

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