Irgendwas ohne Aktien machen

Meinen Neujahrsvorsatz für dieses Jahr fasste ich Anfang Februar. Irgendwas ohne Aktien machen. Da reifte nämlich die Erkenntnis, dass ich viel zu viel Zeit mit Aktien verbrachte. Und mich ganze Tage in Blogs, Foren, Zeitschriften und meinem Depot herumtrieb. Und so möchte ich eigentlich nicht dauerhaft leben.

Und wie man aus diesem Satz herausliest: das tue ich gelegentlich ganz gerne. Wenn mich ein Thema interessiert, dann bin ich voll dabei. Das Thema entwickelt einen Sog. Und es wandelt sich vom Mittel hin zum Zweck. Und das ist teilweise nicht zielführend. Warum das? Darum:

Es nützt nichts. Ich kann zwar 10 Mal mein Depot aufrufen pro Tag, nur es bringt mir kein Wissen. Wir müssten uns darüber verständigen, was „Wissen“ überhaupt bedeutet. Ich sehe zwar Zahlen, nur haben diese keine Relevanz. Das heißt ich bekomme keine Informationen als Entscheidungsgrundlage.

Nehmen wir an, es gäbe einen Abwärtstrend, der von Montag bis Mittwoch ginge, um dann am Freitag wieder beim Ausgangswert anzugelangen. Was hätte ich erreicht, wenn ich jeden Tag mehrfach diesen Trend verfolgt hätte? Klare Antwort: nichts. Ich habe weder die Absicht noch die erforderlichen Werkzeuge um hier einzugreifen.

Und das habe ich schon herausgefunden: um wirklich Chartsignale lesen zu können, die auf Tagesbasis passieren, müsste ich noch viel mehr Zeit mit Aktien verbringen. Um den Markt lesen zu können, muss man viele Jahren konstant dran bleiben. Und die klügeren Marktbeobachter kommen dann zur Erkenntnis, dass sie eigentlich sehr wenig wissen.

Und dieses Zeit-Investment bin ich nicht bereit einzugehen. Ganz der Homo oeconomicus. Oder anders formuliert: so stelle ich mir mein Leben nicht vor.

Meine Zeit ist knapp. Und es gibt eine andere magische Formel, um Gewinne mit Aktien zu machen. Hier kommt das große Geheimnis der Gewinne am Aktienmarkt (wenn ich mir es so recht überlege wäre das eine viel knackigere Headline für diesen Artikel gewesen):

Der wichtigste Hebel ist die Zeit.

Profite werden nicht in Tagen gemacht. Es dauert, bis der Wert einer Aktie steigt. Oder der Markt als solches. Und das in der Regel nicht Wochen sondern Monate bis Jahre bis Jahrzehnte. Zwischendurch gibt es Dips und Korrekturphasen. Mit anderen Worten: da ist verdammt viel Rückschritt mit drin. Und das verlängert die Wartezeit immens. Das ständige Hin- und Her der Kurse in deinen Apps suggeriert du würdest in einem hypermodernen Flughafen in New York im Jahr 2046 sitzen.

Das ist aber ein Fehlschluß. Börse gleicht eher einer Zugfahrt in Thailand in der dritten Klasse. Du kommst irgendwann an. Aber das dauert. Und eventuell stehst du eine zeitlang auf einem Nebengleis und wartest. Dann hat die Lokomotive einen Schaden und du wartest noch länger. Dann geht es ein Stück zurück zum letzten Bahnhof. Irgendwann geht es weiter. Maßgeblich ist der Anlagezeitraum.

Der Großteil meiner Anlagestrategie ist auf langfristiges Halten angelegt, klassisches Buy & Hold. Also mindestens mehrere Monate, eher Jahre und eventuell sogar auf unendlich. Das heißt, dass alles was auf Tagesbasis passiert, wenig Relevanz für mich hat. Und um Dummheiten meinerseits zu vermeiden sollte ich sogar mich selbst fesseln: alles was ich nicht per automatisierte Regel festlegen kann, darf ich sowieso nicht ausführen. Odysseus und die Sirenen der absackenden Aktienmärkte (dieser Satz wäre ein weiterer, großartiger Aspirant auf die Überschrift dieses Artikels).

Die Zeit, die ich aber mit Aktien verbringe, möchte ich so gut wie möglich nutzen. Und wenn man den Effizienz-Gedanken von Lifestyle-Papst Tim Ferriss ernst nimmt, geht es nicht darum Zeit zu verdaddeln, sondern in kürzester Zeit das Richtige zu tun.

Vertrödele ich gerade meine Zeit oder soeben etwas sinnvolles gelernt? Dazu führe ich in Bezug auf Börse ein Tagebuch und schreibe kurze Recaps, in denen ich gelesenes nochmal festhalte. Denn sonst ist es sofort weg, genauso wie die damit verbrachte Zeit.

In allen anderen Lebensbereichen geht es aber nicht um Hyper-Effizienz, sondern um das gelebte Leben. Und den Sinn, den wir ihm geben. Und sinnvolle Tätigkeiten sind für mich ein neues Musikinstrument lernen, mit der Freundin spazieren gehen. Texte schreiben. Bücher lesen. Dinge bauen.

Das Leben hat besseres zu bieten als Aktien. Auf sie verzichten möchte ich trotzdem nicht.

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6 Kommentare zu „Irgendwas ohne Aktien machen

  1. Hi Chris,

    Ich leide leider auch unter der Krankheit „10 mal am Tag den Depotstand abchecken“. Ich glaube, dass wohl kein Anleger sowas nicht schonmal durchgemacht hat.

    „Und die klügeren Marktbeobachter kommen dann zur Erkenntnis, dass sie eigentlich sehr wenig wissen.“

    Genauso ist es. Die Charttechniker versuchen mit irgendwelchen Kauf- und Verkaufssignalen zu operieren, aber das funktioniert langfristig nicht und man opfert eine Menge.

    Ich finde dein Artikel bringt viele meiner Gedanken auf den Punkt. Das Wichtigste ist und bleibt die Zeit.

    Wenn ich daran denke, dass einige Menschen ihre glücklichsten Momente dann auch noch mit irgendwelchen Börsengewinnen assoziieren, dann weiß ich: Das ist ein verschenktes Leben.

    So will ich nicht enden.

    Vielen Dank für den inspirierenden Beitrag und alles Gute,

    Ferhat

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für den Kommentar! Ich glaube, dass Charttechnik ein Handwerk ist. Damit kann man schon was machen. Es ist nur wie mit allem im Leben: um von No zu Pro gelangen, musst du laut 10.000 Stunden Regel ebensoviele Stunden investieren. Und es genügt auch nicht, das einmal zu lernen – man muss dann schon permanent den Markt mitlesen. Und dann kommt Alpha zu massiven Kosten: der eigenen Lebenszeit.

      Freut mich, dass du in dieselbe Richtung denkst!

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  2. Moin,

    Charttechniker sind Trader. Sie handeln, schauen aber nicht zwingend jede halbe Stunde nach, was die Kurse machen. Das machen Daytrader und Profis, aber kein Normalo. In der Regel besteht das Trader-Depot aus einem ruhigen Teil, den jeder für sich definiert: Blue-Chips, Value, Dividenden, ETFs, Rohstoffe, Anleihen, was auch immer. Im Grunde ganz klassisch. Hier bleibt man auch langfristig investiert, zieht aber bei gewissen Situationen die Reißleine.

    Auch für den aktiven Part, sucht man sich einen gewissen Pool an Werten heraus, den man versteht und in regelmäßigen Abständen beobachtet. Einmal die Woche zum Beispiel. Deuten sich interessante Chartmuster an, geht man bei dem Wert auf täglich über.

    Und erst wenn sich das Muster bestätigt(!), handelt man. Beim Einstieg werden entsprechende Stops nach oben und unten definiert(!), danach heißt es abwarten, wie sich das Ganze entwickeln wird. Das kann nämlich niemand voraussagen! Der Trade dauert dann so lange, bis sich die Tendenz des Musters wieder auflöst und /oder die Stops erreicht wurden. Man kann schon über Nacht raus fliegen oder Monate dabei bleiben, wie z.B. Tesla (Dez16 -> Feb17) oder Ferrari (seit Juli16 und läuft noch immer), in dem man die Stops immer wieder nachzieht.

    Dein Beitrag zeigt, dass Du Dich damit bisher nicht wirklich auseinander gesetzt hast, sondern nur in den allgemeinen (negativen) Tenor von angeblicher Börsen-Hexerei und bla und blubb rein haust, wie so oft bei den vielen Finanzblogs. Die skizzieren irgendwelche zappelige Hypertrader, die sich morgens vor die Kiste werfen und jeden Prozentpunkt hinterher rennen. Wie gesagt, das sind Profi Daytrader, die mit irrwitzigen Summen teilweise im Sekundenhorizonten handeln und immer nach der nächsten Gelegenheit dafür suchen. Das hat aber nichts mit normalen Charttechnikern zu tun.

    Ich hoffe, meine kurze Erklärung wurde nicht böse aufgefasst, sondern hat ein bisschen die negative Sicht genommen. Chartmuster sind kein Hexenwerk und Trader können nicht zaubern. Sie machen sich im Vorfeld nur mehr Gedanken.

    Cheerio
    lubo

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    1. Lubo, erstmal danke für den Kommentar! Ich bin froh, dass hier jemand mal öffentlich Pro Charttechnik argumentiert. Der zweite Teil stimmt allerdings nicht ganz. Von Hexenwerk war in dem Artikel an keiner Stelle die Rede. Im Gegenteil, ich deute ja auch an, dass Alpha zu haben ist. Zu einem Preis: nämlich einem nicht unerheblichen Zeiteinsatz. Es mag sein, dass ich mich zu wenig damit auseinandergesetzt habe. Aber nach einem Monat mit jeden Tag 6-10 Stunden Charts gucken schalte ich jetzt mal einen Gang runter. Ich hatte als Lehrbuch im Januar „Technical Trading for Dummies“ durchgenommen. Nur um festzustellen, dass das die absoluten Basics sind. Als ob du mühevoll deiner Gitarre die 3 Töne von „Enter Sandman“ entlockst und auf einmal ein Kerry King Solo von „Raining Blood“ nachspielen sollst.

      Ich würde auf dem Level, auf dem ich mich befinde, aufgrund meiner eigenen Einschätzung von Charts kein Geld riskieren. Ich sehe das Ganze als Marathonlauf und nehme mir mehr Zeit – nämlich die nächsten Jahre.
      Wir sind übrigens beide ungefähr zur selben Zeit vor 2 Monaten einer gewissen Community beigetreten, wo man eben dies lernt [geheimen Steinmetz-Handschlag an dieser Stelle einfügen].

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      1. *Jüngling Ghetto Faust zurück* – Dann brauche ich ja nichts mehr dazu zu schreiben 😉

        Ich bin gerade bei Bulkowski dran. Mein Kopf raucht ebenfalls und ich brauche aktuell auch etwas Abstand von der Materie. Bin aber schon an einer bescheidenen Umsetzung, weil ein paar Sachen bereits bei mir Klick gemacht haben, siehe Post zuvor.

        Definitiv bleibe ich auch dabei und sehe ebenfalls Jahre in einer guten Entwicklung dazu.

        Vielleicht gibt’s ja mal ein Steinmetz-Community-Treffen oder so 😉

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  3. Schöne Gedanken! Ich teile deine Meinung. Das ist doch typisch Pareto… 80/20. Mit 20% der Zeit erreicht man schon einen Großteil des gewünschten Ergebnisses. Außerdem merke ich immer wieder, dass wenn ich mich zu sehr in Dinge reinarbeite, den Blick für das Große und Ganze verliere… Mit etwas Abstand sieht jedes Problem aber deutlich kleiner aus! 🙂

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