Das alte Lied von Geld und Gier

Eigentlich könnte ich zufrieden sein, mit dem was ich habe. Ich besitze aktuell genügend Geld, um davon meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Doch das ist den Zweifeln egal.

Kann ich wirklich? davon leben Was ist, wenn meine Modelle zur finanziellen Unabhängigkeit einen Rechenfehler aufweisen? Vielleicht stimmen diese Modellannahmen auch alle gar nicht. Ich sollte lieber nochmal nachrechnen! Was ist, wenn ein unvorhergesehenes Ereignis eintritt? Und andere haben nachgerechnet und sagen, ich solle noch viel mehr sparen!

All das geht mir dann durch den Kopf. Statt zufrieden zu sein, dreht sich die Angstspirale. Statt mich über das bisher Erreichte zu freuen, aktiviert mein Ego lieber die Sorge.

Auch das riesige Aktienportfolio rettet mich nicht. Sobald es da ist, könnte ich es wieder verlieren. Denn der nächste Marktcrash lauert bereits um die Ecke. Oder einzelne Firmen könnten bankrott gehen. Die Unsicherheit wird einfach nie weniger. Ich weiß, dass es nicht nur mir so geht. Ich bin jedes Mal erstaunt zu hören, wie viel Vermögen andere besitzen im Unterschied zu mir. Und trotzdem reicht es auch ihnen nicht aus, um die Jagd nach dem „mehr“ sein zu lassen.

Hier ein offenes Geheimnis: Man besitzt nie genügend Geld. Es reicht einfach nie. Es macht weder zufrieden noch glücklich. Im Gegenteil. Sobald Geld da ist, geht die Gier in beide Richtungen: ich könnte es wieder verlieren! Das ist die Verlustaversion nach unten. Und dann gibt es den Neid nach oben und nach außen: andere haben mehr als ich selbst!

Wir alle kennen diese Stimme in uns. Ich selbst nenne sie Gollum, wie der „Herr der Ringe“ Charakter. Immer auf der Jagd nach dem glänzenden Ring. Und leider ist dieser Charakterzug wenig schmeichelhaft. Denn an dem Neid und der Gier ist wenig liebenswertes. Und wenn ich mich selbst in diesem Zustand sehe, dann weiß ich ziemlich klar: ich möchte nicht diese Person sein, die ständig dem vermeintlichen Schatz hinterher giert.

Aber warum mache ich mit? Was andere tun, könnte mir egal sein. Ich bin nicht andere. Was andere als richtig für ihr Leben erachten, muss für mich nicht richtig sein. Vor allem führen sie ein komplett anderes Leben als ich es tue. Trotzdem vergleiche ich mich. Denn meinem unersättlichen Ego ist es egal, was ich für mich erreicht habe. Es ist nie genug. Ich fühle mich, als hätte ich bislang gar nichts erreicht – denn andere haben mehr. Und ich ertappe mich dabei, wie ich anfange schneller zu laufen: ich sollte mehr Sparen, mehr Geld verdienen, mehr Absicherung generieren.

All diese Mechanismen laufen nicht im Kopf ab, sondern auf einer tieferen Ebene in uns. Es sind fest verankerte Muster in uns. Es ist wichtig die eigenen Muster wie Angstgedanken zu erkennen. Ich selbst habe angefangen regelmässig zu meditieren. Um mir immer wieder aufs Neue meine eigene Haltung zum Leben bewußt machen. Denn dieses Aufwachen ist weniger eine einmalige Erkenntnis als ein ständiger Prozess. Ich erinnere mich selbst immer wieder daran loszulassen. Loszulassen von den Gedanken und Wünschen, die ich habe. Und von der Gier die mir einredet ich bräuchte all das Geld, damit ich mir Dinge kaufen könnte, die ich gar nicht möchte.

Es sind die Unsicherheiten, des Lebens, die von der Angst vereinnahmt werden. Niemand kann mir garantieren, dass ich mit Einnahmen aus dem Aktienmarkt die nächsten 40 Jahre meines Lebens bestreiten lassen. Ebenfalls weiß ich nicht, ob ich überhaupt so lange noch leben werde. Ich weiß nur eins: ich möchte nicht in Angst leben. Und permanent voller Panik zusammenrechnen, ob das Geld reicht oder nicht. Bis zu einem gewissen Maß ist es gut, sich über Geld Gedanken zu machen. Es geht darum den Zustand zu kennen, an dem die Fürsorge für das eigene Leben in Angst umschlägt.

Ich sehe das inzwischen so wie Seth Godin: „Sobald du genügend Geld für Essen zusammen hast, um damit deine Familie zu versorgen und du dir ein paar andere Dinge leisten kannst, ist Geld eine Story. Du kannst dir jede Geschichte über Geld erzählen. Aber es ist besser dir selbst eine Geschichte über Geld zu erzählen, mit der du glücklich leben kannst.“

Wie geht es dir mit der Angst und dem Geld?

Verwendetes Bildmaterial: Igor Ovsyannykov http://fancycrave.com/about/

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3 Kommentare zu „Das alte Lied von Geld und Gier

  1. Du hast in deinem Artikel zum Erreichen der finanziellen Freiheit ja bewusst nicht geschrieben, in welcher Größenordnung sich dein Kapital bewegt. Würde mich tatsächlich sehr interessieren, da ich aus meiner Position heraus das Ziel für illusorisch halte, wirklich von meinen Kapitaleinkünften leben zu können. Ich rechne da allerdings auch eher konservativ nur mit den Zins- und Dividendeneinnahmen. Was an Wertsteigerung im Depot sonst noch passiert, ist dann quasi der Inflationsausgleich, mal milchmädchenhaft gerechnet.

    Optimistisch kann man vielleicht von einer Nach-Steuer Rendite von 2% ausgehen (was im derzeitigen Zinsumfeld nur noch durch einen sehr großen Aktienanteil realisierbar ist mit entsprechendem Risiko). Um damit meine Lebenshaltungskosten komplett zu decken (ich bin jetzt nicht gerade Frugalist) und auch Krankenversicherung etc. abzudecken, müsste ich meine Ersparnisse vermutlich mindestens verdreifachen.

    Andererseits ist es auch Quatsch davon auszugehen, dass man als gesunder und gut ausgebildeter Mensch nie wieder einen Euro verdienen wird, wenn man aus dem Job aussteigt. Wenns eng wird kann man immer mal ein paar Monate jobben/ freelancen etc., um kurzfristige Finanzierungslücken oder Sonderausgaben abzudecken. Das wird zwar umso schwerer, je länger man aus dem Job raus ist, aber wenns nur darum geht, ein paarhundert Euro dazuzuverdienen, wird sich immer was finden.

    Sprich: wenn du dich verkalkuliert hast und durch Finanzcrash und ähnliches deine Planung nicht ganz aufgeht, landest du nicht gleich im Armenhaus odder auf der Straße – also kein Grund zur Panik 🙂

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    1. Zu dem Thema mit dem Nebenjob: das sehe ich ähnlich. Notfalls findet man etwas um ein paar hundert Euro dazu zu verdienen um Engpässe zu schließen. Vor allem bedeutet das ein Abschied von dem linearen Modell „finanzielle Unabhängigkeit“. Bzw. der Idee eines Ziels, das verwirklicht wird. Es ist eher ein Prozess. Sich immer mal wieder Auszeiten und Sabbaticals nehmen. Mein Wunsch ist es derzeit jedenfalls nicht, mich komplett aus dem Arbeitsleben zu verabschieden. Meine nächsten Unternehmungen sind jedenfalls bereits in Planung. Es geht generell wohl darum ein gutes Maß aus „jetzt nichts tun“ und „später nichts tun müssen“ zu finden.

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      1. Ich bin zwar noch nicht lange interessiert an anderen Finanzblogs, aber ich habe schon jetzt gemerkt wie viele Blogger doch finanziell unabhängig sein wollen, sich aber mit ihrem unnötigen und übertriebenem Ehrgeiz ins Unglück führen.

        Am Ende des Tages messen sich viele an den Sparraten, statt sich zu überlegen wie man ein glückliches Leben führen könnte. Oder setzen Sie etwa Glück mit ihrer Obsession nach finanzieller Freiheit gleich?

        Niemand kann dir garantieren, dass es keine Katastrophe geben wird. Aber so viele wollen garantieren, dass eine kommt – schon morgen… Wenn du die Basics guten Investments beachtest, kann dir keine Weltwirtschaftskrise etwas anhaben. Sie ziehen vorbei…

        Die Vergangenheit hat zu genüge gezeigt, dass bei hinreichender Diversifizierung und länger Haltedauer qualitative Aktien oder ETFs am Ende eine gute Anlagemöglichtkeit sind.

        Bei meinen Eltern habe ich mehrere finanzielle Krisen erlebt. Ich rede nicht von kleinen Fehlkäufen. Ich rede von einem 90% Verlust der eigenen Anlagen. Und ich habe erlebt, wie es dennoch weiterging.

        Es geht immer weiter.

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