Die Selbstoptimierungsmaschine ist schizophren

Liebste Welt,
ich schüttele manchmal verduzt den Kopf über die Verrücktheiten, die so produziert werden. Ich finde es ganz schön irre, auf was für völlig widersprüchliche Aussagen manche Erdenbewohner so kommen.

Etwa Tim Schäfer, ein Urgestein der deutschen Sparer-Szene. Eine Überschrift lautet: „Was wir von Aussteigern lernen können“. Die nächste Überschrift lautet: „Geben Sie Vollgas im Job“.

Brrr. Da schüttelt es mich.

Denn beides spiegelt so ziemlich genau den ideologischen Rahmen wieder, in dem wir uns heute bewegen. Der völlig entgrenzte Turbokapitalismus – aber ganz entschleunigt. Hier arbeiten selbst Aussteiger permanent an ihrer Karriere und Tim Schäfer führt uns dann Bikini-Schönheiten vor, die beim Aussteigen mal eben Millionäre geworden sind. Nichts gegen Tim Schäfer. Nicht dass dies das einzige Beispiel wäre.

Etwa auch bei Timothy Ferriss (der nächste Tim), der schon 2008 in seinem „Die 4-Stunden-Woche“ Buch predigte, man möge sich selbst in Hyper-Effizienz-Hochleistungs-Durchoptimierte-Ein-Mann-Armee-Maschine verwandeln – um dann nur noch 4 Stunden zu arbeiten. Und zwischendurch die Welt zu umreisen. Aussteigen – mit Turbokarriere dabei. Slavoj Zizek hätte seinen Spaß daran:

Today’s hedonism combines pleasure with constraint — it is no longer the old notion of the „right measure“ between pleasure and constraint, but a kind of pseudo-Hegelian immediate coincidence of the opposites: action and reaction should coincide, the very thing which causes damage should already be the medicine. It is no longer „Drink coffee, but with moderation!“; it is rather „Drink all the coffee you want, because it is already decaffeinated…“

http://www.lacan.com/passion.htm

Tim Schäfer hängt da definitiv noch im alten Paradigma fest: Mässigung! Sparsamkeit! Fleiß! Zurückhalten! Triebverzicht! Mit anderen Worten: Diese Prediger-Masche geht mir gehörig auf den Geist. Konsum ist schlecht! Mehr arbeiten! An der nächsten Straßenecke werden andere Rezepte angepriesen: wirf deinen Job hin! Arbeite weniger!

Mir ist das alles zu viel Superlativ. Vor allem wozu? Das schöne Leben kann ich alles einfacher haben: in dem ich aufhöre auf irgendwelche Ratschläge zu setzen, die mir irgendjemand gibt. Mein kompletter Berliner Bekanntenkreis hat das schöne Leben mit sehr viel gepflegtem Nichtstun bereits jetzt schon. Ohne auf die Idee zukommen sich totzuarbeiten oder eben dies als Ideologie proklamieren zu müssen. Und ohne ständig an sich selbst herumdoktoren und sich optimieren müsste.

Und irgendwie fällt mir an der Stelle die Geschichte vom Fischer und dem Touristen ein, die in unzähligen Abwandlungen kursiert. Wo will man denn hin mit der ständigen Arbeit am Selbst?

Mir ist diese „schaffe, schaffe, spare, spare“ Mentalität, die heute Oma´s Sparstrumpf mißachtet und stattdessen auf passives Investieren setzt ehrlich gesagt suspekt.
Und irgendwie glaube ich auch nicht daran, dass es diese magische Zahl gibt, nach der ich dann in Rente gehe. „Und sie lebten glücklich bis…“ So läuft das nicht. Die Notwendigkeit zum Lohnarbeiten mag dann entfallen oder geringer werden. Aber das Leben geht weiter. Und Leben will etwas. Gesellschaftliche Anerkennung, Austausch mit anderen.

Un letztenendes ist es wurscht, ob ich die Millionen auf dem Konto habe oder nicht. Total egal. Es sagt nichts über meine Lebensqualität aus. Oder darüber, ob ich mich zu Tode schufte oder nicht. Es ist am Ende die eigene Entscheidung sich von der Vorstellung „ich muss unbedingt noch etwas erreichen“ zu lösen – oder eben nicht.

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