Die ETF Mathemagier

„Im Gegensatz zur Physik, wo Naturgesetze gelten, sind Wirtschaft und Finanzmärkte nicht modellier-, abschliessend erklär- und somit auch nicht prognostizierbar.“

http://www.fuw.ch/article/vom-nutzen-des-nichtwissens/

Eine seltsame Subkultur bevölkert das Universum der Anleger: die ETF Mathemagier. Exemplare dieser Spezies haben sich an risikobehaftete Anlageformen herangewagt. Mit passivem Investieren in Exchange Traded Funds meint man die Börse endlich gezähmt zu haben. Und dieser Siedlungsposten wird mit kruden Mitteln verteidigt.

Mit einer Granteligkeit die einem John Bogle in nichts nachsteht, wird gegen alles gewettert, was von der Parteilinie abweicht. Dieses Ausmaß an Misantrophie und ausgelebtem Menschenhass habe ich in derselben Form vor vielen Jahren in Diskussionen mit marxistischen Splittergruppen erlebt. Dort wurde auch immer versucht verbal alles wegzubeißen, was nicht zustimmen wollte. Man müsse doch jetzt die Argumente prüfen und sich der Logik unterwerfen. Mit autoritärem Gebrülle wird so die Diskurshoheit über dem virtuellen Stammtisch verteidigt.

Die Index-Freunde des Mittelmaß möchten das Risiko am Aktienmarkt wegrechnen. Mit der Modern Portfolio Theorie und ganz viel Excel wird so lange herumgerechnet, bis man immer beim Mittelwert landet, den man als Rendite einfährt. Dabei fallen Sie auf ihre eigenen Tricks herein. Sonst wird ja auch immer jedem Einwand mit „du nutzt Daten aus der Vergangenheit, du schummelst!“ begegnet. Aber selbst werden genauso Daten aus der Vergangenheit verwendet. Nur dass der Betrachtungszeitraum länger ist.

Aber Daten sind und bleiben immer Daten aus der Vergangenheit, das haben diese so an sich. Und so wird auch hier Vergangenheit als Maßstab für die Zukunft gewählt. Als würde ich im Mittelmaß vor allen Untiefen der Börsenwelt gefeit sein.

Und so wird alles in eine Tabellenkalkulation geworfen. Ohne dass sich über grundlegende Prämissen der Rechnerei Gedanken gemacht wird. Z.B. Was Risiko bedeutet. Und was ich berechnen will, wenn ich davon ausgehe, dass Märkte nicht effizient sind und das Handeln von Marktakteuren nur selten rational ist.

Und dass Erfolg an der Börse nicht durch das Anwenden einer Schule der Wirtschaftswissenschaften zu haben ist. Sonst wäre jeder Ökonom automatisch ein Top-Unternehmer. Oder Börsenprofi. Dem ist nicht der Fall.

Ich bin nicht der erste, dem der beschränkte Nutzen der Mathematik auffällt, wenn es um Börse geht. Siehe etwa die Aussagen von Peter Lynch, Nassim Taleb und John Bender (Market Wizards). Was an der Börse passiert lässt sich nicht modellieren. Schon gar nicht mit falsch verstandener Stochastik wie in der Modern Portfolio Theory (MPT) von Harry Markowitz.

„We learn from crisis to crisis that MPT has the empirical and scientific validity of astrology (without the aesthetics), yet the lessons are ignored in what is taught to 150,000 business school students worldwide.“

http://www.nakedcapitalism.com/2007/10/nicholas-taleb-attacks-pseudo-science.html

Nassim Taleb macht Markowitz und andere Ökonomen für die Krise von 2008 verantwortlich und bezeichnet ihn als Schwindler. Da er Modelle geliefert hat, die nichts mit der Realität zu tun hätten. Und die von einer Gaußsche Glockenkurve mit einer Normalverteilung der Werte ausgehen. Das wird in Black Swan ziemlich ausführlich dargelegt, im Folgebuch „Antifragile“ (deutsche Titel: Antifragilität) ebenso zur Genüge. Für mich ist jedenfalls das Fazit zum Mitnehmen, dass ich überall dort gehörige Skepsis walten lassen, wo jemand mit Logik, wissenschaftlichen Methoden und Stochastik versucht den Markt zu deuten.

Nicht, dass ich ein besseres Vorgehen anzubieten hätte. Ich glaube generell nicht an formalisierte Handlungsempfehlungen vom Typ „Folge Rezept X und alles wird gut.“ Und wenn ich nüchtern auf die Dinge blicke, dann sind diese erstmal ziemlich beängstigend: da ist niemand, der den Weg kennt. Der einen Plan hat. Ich kann selbst einige Nobelpreisträger um mich versammeln und damit eine mittelschwere Börsenkrise verursachen. Und es möge niemand glauben, dass Indexfunds weniger Risikopotential aufweisen und dass ich mit einer 70/30 Formel auf der sicheren Seite stehe für die nächsten 40 Jahre.

Dem ETF Mathemagier ist all dies egal. Er hat seine Ideologie gefunden, mit der er alchemistisch aus Steinen Gold machen kann. Und diese Ideologie wird wie die einer Sekte verteidigt. Ihm geht es darum Recht zu haben. Und um nichts geringeres als die Wahrheit.

Ja, es gibt jede Menge Glücksritter und Ahnungslose, die von der fixen Idee getrieben „schnell reich zu werden“ irgendwas mit Aktien machen wollen. Und ich kann mir auch vorstellen, dass man irgendwann genervt reagiert, wenn man permanent diesen Strom an sich vorbeiziehen sieht. Nur ist Ärger keine adäquate Antwort.

Hinter Ärger steckt Angst. Und ängstlich und daher risikoavers zu sein bedeutet, dass ich alles wegrechnen möchte, was nicht in mein Excel-Spreadsheet passt. Was nicht passt, wird passend gerechnet.

Dabei kann es auch anders laufen. Etwa mit der Erkenntnis die der Finanzwesir hatte: Ich kann zwar losrechnen und mir verschiedenen ETF-Varianten zusammenstellen. Aber ich komme am Ende zu dem Punkt, dass die die Mischung egal ist und auch meine Rechnerei hinfällig ist. Ich treffe mit jeder Berechnung Annahmen, die auf der Vergangenheit beruhen.

Nichts gegen Rechnen. Und die Vernunft benutzen. Und am Ende gilt: Es gehört Mut zum Investieren. Und dazu, sich auf die Ungewissheit des Marktes einzulassen.

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