Jeder muss doch eine Haftpflichtversicherung haben.

„Nein, muss ich nicht.“

Bei meinem derzeitigen Arbeitgeber hatte ein Mitarbeiter den Schlüssel verloren. Oh weh. Das ist ungünstig in einem 4-Parteien Bürohaus, wo gleich alle Schließanlagen getauscht werden müssen und der Schaden damit fünfstellig ausfällt. Die Geschäftsführung war nicht amüsiert. Danach kam der Geschäftsführer mit einer Idee: Jeder, der einen Schlüssel möchte, solle diesen in seine private Haftpflichtversicherung eintragen.

Dies ist ein schönes Beispiel, wie das Risiko auf privat verlagert wird. Die Rationalität dahinter verstehe ich. Als Geschäftsführer würde ich ähnlich denken. Als Angestellter dagegen finde ich diese Idee weniger gut. Da diese Verkündung des Vorschlags nur wenige Tage vor meinem letzten Arbeitstag stattfand, war die Wahl für mich einfach: dann klingle ich eben jeden Morgen. Da ich de facto nur morgens einmal ins Büro muss, würde ich mir sowieso überlegen, ob ich extra einen Schlüssel bräuchte. Ich habe davor auch gut in Coworking-Spaces und Bürogemeinschaften ohne eigenen Schlüssel verbracht.

Warum mich die Sache trotzdem leicht reizt: ich brauche keine Haftpflichtversicherung. Ich selbst verliere nichts. Das mag sich blöd anhören, ist aber so. Es gibt Leute, die oft Sachen verlegen oder verlieren. Mir passierte das in den letzten Jahrzehnten aber nahezu nicht. Einmal den Schlüssel für mein Fahrradschloß, der dann nach einer Woche im Hof gefunden wäre. Gut, Diebstahl wäre noch ein Punkt. Aber bisher wurde mir auch nichts geklaut, auch nicht in den günstigsten Backpacker-Hostels in Asien. Und dazu reicht dann keine normale Haftpflichtversicherung aus.

Hätte ich einen Hund als Haustier oder Kinder, sähe die Sache mit der Haftpflicht anders aus. Beides habe ich nicht.

„Wenn mal irgendwas passiert.“ Ja, ich habe schon entsprechende Geschichten gehört. Von Freunden, die betrunken mit dem Fahrrad ein Auto gerammt und einen sechsstelligen Schaden verursacht haben. Aber ob die Haftpflicht dann zahlen mag, war in dem Fall längere Zeit auch nicht klar.

Ich gebe gerne zu, dass ich Versicherungen eher kritisch sehe. Ich bin der zugrunde liegenden pessimistischen Grundhaltung gegenüber pessimistisch eingestellt. Nicht dass ich selbst sorglos in die Zukunft blicken würde. Nur glaube ich nicht, dass sich Leben als solches absichern lässt, in dem ich einen Pakt mit einer Partei gegen Geld abschließe. Zumindest nicht in dem Kontext. Als notwendig sehe ich eine Krankenversicherung an, aber auch das wäre ein längeres Thema.

Ich könnte jetzt loswüten gegen Beamtenmentalität, Versorgungsmentalität und Absicherungsmentalität. Ehrlich gesagt ertappe ich mich dabei, dass in mir so ein kleiner Wutbürger sitzt. Aber ich entscheide mich dagegen. Es gibt nichts zu wüten. Ich will einfach nur keine Haftpflichtversicherung abschließen. Ich behalte den Betrag lieber.

Ich entscheide mich dafür, dass ich die Wahl habe meinen Weg zu wählen. Und ich glücklich sagen kann: ich benötige keine Haftpflicht (zumindest im Moment).

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7 Kommentare zu „Jeder muss doch eine Haftpflichtversicherung haben.

  1. Bin bin ja auch skeptisch, was Versicherungen angeht, und habe meine auf ein Minimum reduziert. Zu diesem Minimum gehört aber in jeden Fall eine Haftpflichtversicherung, deren Sinn mir total einleuchtet. Die Kosten sind vergleichsweise gering, einen ausreichenden Schutz mit Selbstbeteiligung erhält man für unter 50 EUR im Jahr. Im Schadensfall kann die Versicherung aber vor dem totalen finanziellen Ruin schützen.Da geht es dann natürlich nicht um einen verlorenen Schlüssel, sondern um Personenschäden, wo meine persönliche Haftung dann schnell in die hundertausende Euro gehen kann, wenn ich nicht versichert bin.

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    1. Ich kann das Argument nachvollziehen, aber andererseits: mir würden nur wenige Situationen einfallen, in denen ich einen entsprechenden Schaden verursachen könnte. Als Teilnehmer im Straßenverkehr z.B. Aber da bin ich brav und achte alle Verkehrsregeln. Mit eines der größtem Risiken ist das Wohl des eigenen Körpers – aber das ist via Krankenversicherungen in Deutschland oder auch per Auslandskrankenversicherung abgedeckt. In den USA sieht das anders aus und da können Krankenhausrechnungen dann existenzbedrohend sein. Aber auch da kann ich die Entscheidung treffen: mich gegen hohe Beiträge abzusichern oder auch nicht. In diesem einen Fall finde ich das deutsche Modell mit einer Versicherungspflicht allerdings wirklich nicht schlecht.

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  2. Eine Frage wäre, ob es sich um einen echten schwarzen Schwan handelt, wenn das Risiko bekannt und berechenbar ist (zumindest für den Versicherer). Das wäre in der „known unknown“. Aber stimmt schon: ein eher unwahrscheinliches Ereignis, dessen Eintritt aber extreme Auswirkungen hat. Generell ist Taleb aber ganz schön unhandlich, wenn man ihn auf die Praxis anwenden will. Don’t be a turkey – okay! Nur weiß man ja erst im Nachhinein vom Börsencrash oder dass Immobilienkreditbonds mit Junksbonds verfeinert wurden. 😉

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  3. Bei der Haftpflicht sollte man noch erwähnen, dass diese auch zahlt, wenn man dir Schaden zufügt (falls der Verursacher keine Versicherung hat).

    Als Fahrradfahrerin lebe ich gefährlich..

    Liebe Grüße
    Jenny

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    1. Da könnte man jetzt darüber diskutieren, wie wahrscheinlich der Fall ist. Und dass der Fahrer danach dann nicht zahlen kann. Und dass du das aus ihm herausklagen müsstest, und nicht etwa deine Krankenversicherung. Ebenso denkbar wäre Fahrerflucht. Kann alles passieren. Nur wie ich oben schrieb: ich möchte eigentlich durchs Leben gehen ohne die permanente Angst als Begleiter. Und der paradoxe Effekt: Versicherungen sorgen für mehr und nicht weniger Angst. Irgendwie wie bei Jobs: Menschen in den sichersten Verhältnissen haben die meiste Angst.

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